"Planet Carlos" - Abschlussfilm der Romerotage 2009 in Hamburg

Carlos
Entschlossen verteidigt Carlos seinen Traum gegen alle Widerstände. Bild: Standfoto Planet Carlos

Der sehr berührende Film spielt in unserer Partnerstadt León, im Stadtviertel "Villa Austria", einer Siedlung, in der bittere Armut herrscht, und auf dem Markt der Stadt. Das ist die Welt der Hauptfigur Carlos, ein 13-jähriger Junge, der seinen Beitrag zum Familieneinkommen mit schweren Arbeiten verdienen muss und keine Zeit für die Schule hat. Aber er will mehr für sich und seine Zukunft: Theaterspielen in einer Gigantonagruppe.

Wer schon einmal in Nicaragua war, kennt sie, diese traditionellen Aufführungen mit riesigen Puppen, die mit wilder Trommelmusik von Tänzern mit Masken begleitet werden, unterbrochen vom Rezitieren von Gedichten (Coplas). Der begabte Carlos liebt die Poesie des Nationaldichters Rubén Darío, außerdem will er vor Touristen spielen und damit Geld verdienen. Tatsächlich gelingt es Carlos zwei Freunde vom Markt und eine Freundin für seine Truppe zu gewinnen und alle zeigen, welche schönen Talente in ihnen stecken. Bei einem alten Dichter beantragen sie ausländische Fördergelder - leider vergebens. Fürs erste ist der Traum geplatzt- aber Carlos will auch in Zukunft kämpfen für mehr als die tägliche Mahlzeit!

Dieser Film verlässt die strikte Trennung in Spiel- und Dokumentarfilm, denn alle Darsteller/innen sind Laien, zumeist aus León und haben die Szenen des Films in Improvisationen mit dem Filmteam selbst entwickelt. Insofern spiegeln sie die gesellschaftliche Realität in Nicaragua wider, teilweise erschreckend. Einerseits sind da die harte Situation der vielen alleinerziehenden Mütter, die innerfamiliäre Gewalt und die sexuellen Übergriffe, der chronische Geldmangel, fehlende Bildung und prekäre Arbeitsverhältnisse, andererseits aber auch die kulturellen Traditionen und der unbedingte Wille, für eine bessere Zukunft zu kämpfen und das auch zu schaffen.

Einige der Darsteller/innen haben das in ihrem realen Leben schon verwirklicht. Mario, der den Carlos spielt, hat in Granada eine eigene Gigantonagruppe und geht zur Schule, Katherine, die Isabel im Film, besucht eine Privatschule in Leon, ihre Mutter arbeitet hart für das Schulgeld, Mercedes, die Mutter, erzieht allein ihre vier Kinder in León und studiert jetzt mit einem amerikanischen Stipendium an der Universität, wie auch Marco, einer der Jungen im Film. Antonio, der andere Kumpel, leistet auch im realen Leben harte Arbeit auf dem Mercado und schläft oft dort, er hat auch am Set gearbeitet und ist ein brillanter Alleinunterhalter. Silvio, der den unsympathischen Vater darstellt, ist in León ein bekannter Theaterschauspieler, leitet mehrere Gigantonagruppen und stellt die Puppen her.

Im Vorfeld der Dreharbeiten hat das Filmteam einen Videoworkshop in León durchgeführt, bei dem auch Erzieherinnen des bekannten Straßenkinderprojekts "Las Tías" (u.a. auch vom Nicaragua Verein Hamburg unterstützt) mitwirkten. Die kleine Cristel wurde während der Dreharbeiten von Doña Juana von den "Tías" betreut.

Der Regisseur Andreas Kannengiesser hat an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg studiert und ein engagiertes junges Team von Deutschen und Nicas gebildet, um in nur wenigen Monaten mit ganz neuartigen Methoden in León das überzeugende Buch zu entwickeln und den Film zu drehen, wobei besonders die kreative, authentische Kameraführung hervorzuheben ist. "Planet Carlos" wurde auf mehreren internationalen Festivals gezeigt und läuft auch erfolgreich zur Zeit in vielen Orten in Nicaragua.

Gerade Menschen, die sich unserer Partnerstadt León verbunden fühlen, werden großen Gewinn aus dem Ansehen des Films ziehen. In vielen Bereichen der Bildung ist er sicherlich sehr erfolgreich einzusetzen, da er zu Diskussionen zu verschiedenen Aspekten Anlass gibt. Fazit: sehr empfehlenswert!

Verkauf und Verleih: distribution@hff-potsdam.de

Rezension: Verena Maeffert

Webseite zum Film

 

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