Städtepartnerschaften mit Nicaragua – alles nur Charity oder was?

Bericht über die Veranstaltung am 28.11.2017 im Saal der Werkstatt 3

Nach kurzer Begrüßung und Einleitung durch Julia Koppke für die Rosa Luxemburg Stiftung Hamburg und Rüdiger Schmitz für den Nicaragua Verein Hamburg übernahm Anke Butscher die Leitung des Abends. Sie stellte uns die Gäste auf dem Podium vor.

Die Talkrunde auf dem Podium

Als Vertreterin und Vertreter für noch funktionierende Städtepartnerschaften konnten wir Ulla Sparrer (Wuppertal - Matagalpa), Paul Pirker (Salzburg – León) und Matthias Schindler (Hamburg – León) gewinnen. Eine erste Berichtsrunde der Referenten über ihr Engagement in den Partnerstädten erweckte den Eindruck, dass ziemlich alle Projekte – kleine ökonomische, soziale oder ökologische – nur noch als Charity, also Wohltätigkeit, verstanden werden können. Das war nicht immer so, daran erinnerte Matthias Schindler: Nach der Revolution 1979 in Nicaragua entstanden viele Basispartnerschaften – vor allem mit dem Ziel, die Erfolge und Ziele der Revolution zu unterstützen und zu verteidigen und dem US- Imperialismus, und einer möglichen militärischen Aggression etwas entgegenzusetzen.

Dass die so entstandenen Partnerschaften lebendig blieben, so viel Rückhalt in der Bevölkerung fanden und letztlich zu offiziellen Städtepartnerschaften führten, ist ein Verdienst der Nicaragua-Initiativen. Diesen Aspekt hob Norbert Hackbusch, Mitglied der Partei 'Die Linke' in der Hamburger Bürgerschaft, besonders hervor. Diese Partnerschaften mit Nicaragua waren ein Novum, sie konnten nicht, wie die schon existierenden Partnerschaften, mit Anreizen für die heimische Wirtschaft locken. Sie forderten ein ganz neues Denken, erzeugten Neugier auf ein politisches Projekt. Allerdings zu glauben, mit dem Dritte-Welt-Engagement die Welt verändern zu können, war sicher Unsinn, aber der große Fortschritt war, dass sich bei diesen Partnerschaften der Schwerpunkt verschob von Wirtschaftsinteressen zu den Beziehungen der Menschen untereinander.

Mit politischen Entwicklungen und Veränderungen in Nicaragua - auch mit den Stadtverwaltungen hier - veränderten sich diese Beziehungen. Es stellt sich immer wieder die Frage nach dem eigenen Standpunkt und fordert dazu heraus, diesen zu überdenken.

Matthias Schindler provozierte mit einem Zitat aus einem Gespräch, das er mit der nicaraguanischen Journalistin und Autorin Sofia Montenegro geführt hatte:

„Nach 40 Jahren Unterstützung aus der Solidaritätsbewegung sollten wir damit aufhören.“ Sie verstärke nur die bestehende Ungleichheit und verbessere nicht wirklich das Leben der einfachen Menschen. Diese These wurde kontrovers diskutiert.

Silvio Prado erläutert den Entwicklungsplan der Regierung, Karin Uhlenhaut übersetzt

Die Bedeutung der Städtepartnerschaften aus nicaraguanischer Sicht beleuchtete Silvio Prado, Kommunalwissenschaftler aus Madrid und gebürtiger Nicaraguaner (Karin Uhlenhaut übernahm die Übersetzung). In der Dichotomie zwischen einerseits Wohltätigkeit und auf der anderen Seite der Solidarität, auf die sich ja die Partnerschaften gründen, hält er es mit Eduardo Galeano: „Die Wohltätigkeit ist erniedrigend, weil sie vertikal von oben ausgeübt wird und die Solidarität ist horizontal und beinhaltet gegenseitigen Respekt.“ Als Beleg dafür, dass die Zeit der Wohltätigkeit vorbei sein sollte, präsentierte er eine Grafik aus dem offiziellen Entwicklungsplan der Regierung Nicaraguas, in der die Gelder aus den Städtepartnerschaften (auch die Beiträge von NGOs) als fester Bestandteil der Staatseinnahmen eingeplant sind.

Trotzdem teilt Silvio Prado die Ansicht der anderen Referenten, dass es wichtig sei, die Verbindung der Bevölkerungen untereinander aufrecht zu erhalten. Ohne die Städtepartnerschaften sei eine dezentrale Kooperation gar nicht denkbar und die sei unter dem Vorzeichen der Solidarität immer noch sehr wichtig.

Dieser Position war auch Matthias Schindler sehr nahe, der glaubt, dass die wichtigsten Prozesse, die die Städtepartnerschaften anregen, hier bei uns liegen sollten und deren Wirkung hier viel größer sei als in Nicaragua: Wenn etwa junge Leute nach Nicaragua fahren, dort Nicas kennen lernen und z.B. erleben wie schwer es ist, sich dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dann würden sie sehr schnell erkennen, dass auf ganz anderen Ebenen wirtschaftliche Verhältnisse und Kräfte verändert werden müssten. Die Basisarbeit in den Städtepartnerschaften seien gewissermaßen die Grundlage für die größeren Schritte, die notwendig seien, einen Wandel hervorzurufen, z. B. im Konsumverhalten, in den Handelsbeziehungen usw. Es mache keinen Sinn, das eine für das andere aufzugeben.

Den Schwerpunkt der Arbeit auf die europäischen Partnerstädte zu konzentrieren wurde mit Vorschlägen untermauert, z.B. etwas für die massive Förderung der Entsendung von Jugendlichen nach Nicaragua zu tun. „Alle die von dort zurückkommen sind vom Land und den Bewohnern derart geprägt, dass sie gegen nationalistisches Gedankengut gefeit sind“; so ein Diskussionsbeitrag.

Schließlich gab es eine breite Übereinstimmung, sich für die Förderung und Verbesserung des interkulturellen Austausches einzusetzen, denn die Aufklärung durch eigene Anschauung sei ein wichtiges Instrument der Entwicklungs- und auch der Gesellschaftspolitik.

Ein junger Mann aus dem Publikum brachte es auf den Punkt und sprach damit das Schlusswort: „Ich finde, dass der persönliche Austausch sehr wichtig ist – hier wurde zwischendurch gesagt, das sei nicht direkt politische Arbeit, aber ich finde, das ist sehr politisch, weil dadurch auch was mit den Menschen passiert. Wenn sie beispielsweise an einem Jugendaustausch teilnehmen, werden sie darüber nachdenken und erkennen, wie die globalen Zusammenhänge sind und das finde ich sehr wertvoll. Über diesen Weg sollte man auch versuchen, die Leute zur Soliarbeit zu motivieren“.

Der gut gefüllte Saal der W3 bei unserer Veranstaltung

Die Veranstaltung war mit 47 Personen sehr gut besucht. Den größten Anteil stellten erwartungsgemäß die Leute aus den frühen Jahren der Partnerschaftsbewegung. Es waren aber auch junge Leute anwesend, gerade aus Nicaragua zurückgekehrt und sehr motiviert, sich einzubringen. Die informellen Gespräche nach der Veranstaltung ergaben neue Kontakte für eine bessere Vernetzung der Initiativen untereinander; z.B. mit EU-LAC (EU-Lateinamerika/Karibik-Stiftung).

Die Gäste auf dem Podium wurden mit Teeprodukten aus der Organisation 'ChariTea' beschenkt. Nachdem sie sich den ganzen Abend - erfolgreich - bemüht hatten, den politischen Anspruch ihrer Arbeit zu retten, hieß jetzt die Antwort: „Alles ChariTea - was sonst?“

Detlef de Cuveland, Rüdiger Schmitz

 

Zum 150. Geburtstag von Rubén Darío

Rolf Becker auf dem Neujahrsempfang

Vortrag von Rolf Becker auf dem Neujahrsempfang des Nicaragua Kokreises und des Nicaragua Vereins Anläßlich des 150. Geburtstages von Rubén Darío:

 

 Rubén Darío

"Liebe deinen Rhythmus
lass rhythmisch werden dein Handeln
folge seinem Gesetz wie auch deinem Dichten.
Ein Universum von Universen trägst du in dir
und deine Seele ist ein Quell des Gesangs." (1888)

Der Name des Dichters Rubén Darío, 1867 als Félix Rubén García Sarmiento in der nicaraguanischen Kleinstadt Metapa geboren, 1916 gestorben im Alter von nur 49 Jahren, dürfte hierzulande heute nur wenigen geläufig sein. In Nicaragua dagegen ist Rubén Darío mit seinen Werken bis heute lebendig, sein Geburtsort Metapa (gelegen zwischen Leon und Matagalpa) ist ihm zu Ehren  umbenannt in Ciudad Darío.

Rubén Darío war einer der wichtigsten Neuerer nicht nur der nicaraguanischen sondern der lateinamerikanischen Poesie – seine Dichtungen veränderten die gesamte spanischsprachige Literatur, befreiten sie von den Fesseln schulmeisterlicher Normen und bis dahin üblichen Familiengeschichten und Milieuschilderungen, prägten den Begriff "Modernismo" für die neue literarische Strömung. In der spanischen und spanisch-amerikanischen Literatur wird er genannt als "Führer einer Bewegung, die einer neuen Epoche der spanischsprachigen Dichtung die Tore geöffnet
hat", in Deutschland als "der Dichter, der die Welt anders sah"
.

Statue Rubén Daríos in Palma de Mallorca

In seinem schmalen Band "Azul" – „Blau“ – von 1888 kümmerte er sich nicht mehr um die vorherrschenden Ideale des Wahren, Guten und Schönen und den damit verbundenen Vorschriften moralischer Belehrung.
Juan Valera, ein spanischer Schriftsteller und Zeitgenosse von Darío, formulierte das in einer Besprechung des Buches so: "Wenn man mich fragen sollte, was das Buch lehrt und wovon es handelt, würde ich antworten: Es lehrt nichts und handelt von nichts und von allem."

Bis heute bestätigt sich, wie Günther Schmigalle 1995 in seinem Buch „Das Deutschlandbild Rubén Daríos“, auf das ich mich im Folgenden beziehe, schreibt, „sein geringer Bekanntheitsgrad beim deutschen Lesepublikum. Er teilt dies Schicksal mit fast allen lateinamerikanischen Autoren der Vergangenheit: Lateinamerikanische Literatur vor 1950 ist in Deutschland weitgehend unbekannt, die vor 1900 fast
vollständig. Im Falle Darios kommt noch hinzu, dass nur ein kleiner Bruchteil seines umfangreichen Werks (22 Bände in der Madrider Gesamtausgabe) ins Deutsche übersetzt worden ist.“

„Unter den europäischen Ländern, die sein Interesse erweckten, steht“, wie es bei Schmigalle weiter heißt, „Frankreich an erster Stelle: die geistige Staatsbürgerschaft
Frankreichs zu erwerben, war seit frühester Jugend die Obsession Darios; nur aus ihr lässt sich das Geheimnis seiner ersten Meisterwerke wie ‚Azul‘ erklären. In der Reihenfolge seines Interesses folgen Spanien, Italien und Griechenland. Deutschland belegt in dieser Rangliste den fünften Platz, wobei Dario vor allem das romantische Deutschland, das ‚Land der Dichter und Denker‘ faszinierte.“

Und weiter: „Er bezieht sein Deutschlandbild überwiegend aus französischen Büchern. Sichtbarstes Zeichen ist die Ablehnung der deutschen Politik. In dem Band ‚La caravana pasa‘, ‚Die Karawane zieht vorbei‘ veröffentlichte Rubén Darío 1902 eine Auswahl von Artikeln, die er als Pariser Korrespondent nach Buenos Aires geschrieben hatte. Ein Artikel handelt von den Großmachtplänen Kaiser Wilhelms II. und den Ambitionen des Deutschen Reiches, auch in Lateinamerika Fuß zu fassen.“

Über den Einfluss deutscher Kultur in Lateinamerika heißt es da:

„Nachdem ich fast das gesamte Spanisch-Amerika bereist und auch in mehreren seiner Republiken einige Zeit gelebt habe, glaube ich behaupten zu können, dass die deutschen Ideen auf unserem Kontinent kein günstiges Terrain finden werden. Lateinamerika sieht seit der Revolution auf dem Gebiet der Ideen seine wirkliche Heimat in Frankreich.“

Bestimmte deutsche Sitten und Gebräuche werden von Rubén Darío mit beißender Ironie dargestellt:

„Gewiss, ein Teil der hispano-amerikanischen Jugend hat in Deutschland seine Ausbildung genossen und in professioneller Hinsicht große Fortschritte erzielt. Es fehlt uns nicht an Ärzten, die in ihrem Gesicht noch die Erinnerung an die blöden Universitäts-Duelle tragen und infolge der noch blöderen obligatorischen Biersaufereien an Magenerweiterung leiden. Aber unter denen, die denken, richten sich die Blicke und Träume nicht auf Berlin oder Bonn, sondern auf Paris.“

Rubén Daríos Zusammenfassung:

„Die Südamerikaner machen sich keine Illusionen über die moralische Größe der deutschen Seele. Nein, für unser kosmopolitisches Gefühl kann dieses schwerfällige, harte, plump repressive Land, diese Heimat eiserner Cäsaren nicht sympathisch sein.“

Rubén Darío konstatiert eine tiefe Spaltung zwischen deutschem Geist und deutscher Realität. Lebensschicksale und Ansichten einiger der größten deutschen Philosophen und Dichter, wie Heinrich Heine, sind nach seiner Auffassung ein Beleg für diese Kluft

Im Mai 1904 besucht Rubén Darío zum ersten Mal Deutschland und zum ersten Mal Hamburg. Die Reise dieses "Pilgers der Poesie", wie er sich selbst nennt, führt bei ihm zu einer Veränderung seines Deutschlandbildes.
Die Kluft, die er jetzt wahrnimmt, ist nicht mehr die zwischen Geist und Realität, sondern die zwischen dem poetischen, romantischen Deutschland, dem Deutschland der Vergangenheit, das er liebt, und dem modernen Deutschland, Inkarnation des kapitalistischen Fortschritts, den er mehr und mehr verabscheut. Er ahnt, so schreibt er, "dass es sich bei dem Prozess der Zivilisation um einen Selbstzerstörerischen Vorgang handelt, der gerade dort scheitert, wo er scheinbar seine höchsten  Triumphe feiert.''

Hier liegt die bis heute ungebrochene Aktualität von Rubén Darío.

"So war meine Absicht, aus meiner reinen Seele
einen Stern, einen klangvollen Quell zu machen;
voller Grauen vor der Literatur
und verrückt nach Dämmerung und Morgenrot.

Nach der blauen Dämmerung, die die Richtung weist
und zu den himmlischen Ekstasen inspiriert,
Meeresnebel und Molltonart – die ganze Flöte!
und Aurora, die Tochter der Sonne – die ganze Lyra!"

In seinem 1896 erschienenen Buch "Weltliche Prosa und andere Gedichte" wählte Rubén Darío statt wohl gesetzter Reime eine offene poetische Form, die bald als „Prosagedicht“ zahlreiche Nachfolger fand.

"So liebe mich, Femme fatale, Weltbewanderte,
alles Umfassende, Unermessliche, Einzigartige, Einzige,
Geheimnisvolle und Kundige:
Liebe mich, Meer und Wolke, Schaum und Welle."

Doch Rubén Daríos Suche nach "Erfüllung im großen Gesang", wie er es formulierte, wurde nicht nur vom Ruhm, sondern auch vom Scheitern bestimmt. Seine erste Frau starb früh, die zweite Ehe ging bald in die Brüche, nur eines von mehreren Kindern überlebte. Er selbst wurde geplagt von Geldnöten und Krankheiten, litt an Alkoholismus und unternahm 1911 einen Selbstmordversuch. Seine Poesie verdüsterte sich.

"Glücklich der Baum, der kaum etwas empfindet,
glücklicher noch der Stein ohne jedes Gefühl,
es gibt keinen größeren Kummer, als der am Leben zu sein,
und keinen tieferen Schmerz, als bewusst zu leben."

 

MUSCHEL

Die goldene Muschel, die am Strand ich fand,
war festgefügt aus feinsten Perlenwänden,
Europa streifte sie mit göttlichen Händen,
als auf dem Himmelsstier sie Wogen überwand.

Ich hob die tönende Muschel an den Mund
Und lockte so des Meeresweckrufs Hall,
ich lieh mein Ohr, und schon tat mir der Schall
der blauen Stollen verhüllter Kleinod kund.

So weht das Salz mich an aus bitteren Winden,
die blähten einst der Argonauten Segel,
als Sterngebilde liebten Jasons Traum;

den Flutstrom hör ich Unbekanntes künden
nach Wind- und Wellengang geheimer Regel...
(Die Muschel – eines Herzens Form und Raum.)

 

Schwan auf der Außenalster

DIE SCHWÄNE

Für Juan Ramón Jiménez

Welches Zeichen machst du, o Schwan, mit deinem gebogenen
Hals beim Vorübergehen der traurig irrenden Träumer?
Warum so schweigsam, weil weiß und schön,
tyrannisch zu den Wassern und gefühllos zu den Blumen?

Ich grüße dich jetzt, wie mit lateinischen Versen
dich einstmals grüßte Publius Ovidius Naso.
Die gleichen Nachtigallen singen die gleichen Triller,
und in verschiedenen Sprachen ist es das gleiche Lied.

Euch darf meine Sprache nicht fremdartig klingen.
Vielleicht habt ihr irgendeinmal Garcilaso gesehen...
Ich bin ein Sohn Amerikas, bin ein Enkel Spaniens...
Quevedo in Aranjuez konnte zu euch in Versen sprechen...

Ihr Schwäne, mögen die Fächer eurer kühlen Schwingen
den bleichen Stirnen ihre reinsten Liebkosungen schenken
und mögen eure malerisch weißen Gestalten
aus unseren traurigen Gemütern die düsteren Gedanken
verscheuchen

Nördliche Nebel füllen uns mit Traurigkeiten,
es sterben unsere Rosen, verdorren unsere Palmen,
kaum gibt es noch Illusionen für unsere Köpfe,
wir sind die Bettler unserer armen Seelen.

Man predigt uns Krieg mit grausamen Adlern,
Jagdfalken von einst kehren zu unseren Fäusten zurück, doch
nicht mehr glänzt der Ruhm der alten Sicheln
es gibt weder Rodrigos noch Jaimes,
weder Alfonsos noch Nunos.

Mangels Stoff, den die großen Dinge schenken,
was können wir Dichter tun, als eure Seelen suchen?
Ohne den Lorbeer blühen die Rosen so schön,
und ohne zu siegen wollen wir Freude suchen.

 

Hamburger Schwäne auf dem Weg ins Winterquartier

Hamburg oder das Reich der Schwäne

Huysmans –
gemeint: der französische Autor Joris-Karl Huysmans, der in seinem 1884 erschienenen Roman “À rebours”, deutsch: “Gegen den Strich” die These vertritt, die Natur sei primitiv und dem menschlichen Geist unterlegen, weshalb alles Künstliche dem Natürlichen vorzuziehen sei –

Huysmans also war ungerecht mit Hamburg, und seine schlechte Laune hat in bösen Seiten Ausdruck gefunden. Das liegt daran, dass er das Paradies der Schwäne nicht besucht hat, und für zwei Mark fünfzig schlecht gegessen hat.

Hamburg ist fröhlich, es hat eine fast lateinische Fröhlichkeit, soweit dies in einem germanischen Zentrum möglich ist.

Hamburg ist eine arbeitsame, geschäftige, unabhängige Stadt, mit ihrem strengen Senat, ihren Fabriken, ihren Kanälen, ihren großen Hotels, ihren reichbestückten Kaufhäusern, und es ist auch eine Stadt, die sich amüsiert, die sich verschönert, die mit dem Ausland kokettiert.

Sie hat ein Sankt Pauli, das Montmartre so ähnelt wie das Bie dem Champagner, Cafés im Freien, am Ufer der Alster, die mit Jachten belebt ist und wo man mit kleinen Dampfern hinfährt und wo sonntags hübsche Mädchen beim Klang der Musik flirten.

Hamburg hat ein großes Luxusviertel, das manche Judäa nennen, weil dort reiche Semiten in prächtigen Villen das Glück genießen, das man mit Geld kaufen kann.

Huysmans spricht böse über die Leute aus Caracas, die er in diesem Handelszentrum getroffen hat.

Ich selbst habe keinen Landsmann Bolívars kennengelernt, obwohl es nicht selten vorkommt, dass man Spanisch sprechen hört, denn hier wohnen viele Hispano-Amerikaner und auch Hamburger, die sich hier mit ihren kreolischen Familien
niedergelassen haben, nachdem sie in fernen heißen Ländern ein Vermögen gemacht haben. Vielfältige Architekturen erblickt man im Grün der Gärten und entlang der gepflegten Alleen.

Eppendorf, kühl und blumengeschmückt, hat köstliche Winkel zum Ausruhen, zum Lieben und zum Träumen, denn es ist durchaus möglich zu träumen in einer Stadt, deren Einwohner, wie praktisch sie auch sein mögen, einen poetischen Ort haben, gebildet von einem Stauwasser des Flusses, wo zahlreiche Schwäne von der Staatskasse unterhalten werden.

Diese Dichter, die Schwäne, haben nichts anderes zu tun, als sich der Schönheit zu widmen, weiß zu sein – einige sind auch schwarz – und stolz dahinzugleiten, mit jener Würde, die sie von Jupiter geerbt haben. Diese Verpflichtungen erfüllen sie pünktlich, und außer der täglichen Speisung, die sie von ihren Wärtern erhalten, beschenkt sie das Publikum mit Brotkrumen.

Das Stauwasser ist kristallklar, am Ufer blühen Blumen, die goldenen Nachmittage gießen ihren Zauber über dieses göttliche Schauspiel.

Und die lyrischen Bewohner dieser Kristalle, die ihre olympischen Spiegelungen vervielfältigen, genießen die süßeste Seligkeit in der Hauptstadt der teutonischen Fälscher und Händler.

Obwohl, ich muss es zugeben, mir wurde etwas unbehaglich, als ich mit einem Bekannten, einem semitischen Exporteur, zu Mittag speiste und er mir versicherte, dass der Schwan, ebenso wie die Gans, gut zubereitet, sehr wohlschmeckend sei.

Und da wir gerade von lyrischen Schwänen sprechen, ich sagte ja, dass Hamburg ein Montmartre hat, das Sankt Pauli heißt. Jedenfalls hatte man mir das erzählt. Ein Montmartre?... Für Matrosen. Mit dem einen oder anderen berühmten Café, wo man essen kann und dabei von einem Orchester umschmeichelt wird.

Im Übrigen sind die kleinen Theater schäbig, mit abgewrackten chanteuses, dicken Sängerinnen, die Romanzen brüllen, oder mageren Parzen, die auf Englisch oder Deutsch schrille Lieder vortragen. Es gibt kein einziges Kabarett, keinen einzigen
Poeten mit oder ohne Mähne, der an Privas, an Rictus oder an Montoya erinnern würde.

In einem großen Saal für ein volkstümliches Publikum spielt eine Militärkapelle. Auf dem Platz lockt ein Kasperletheater das populo; die elektrische Reklame verspricht Wunder, aber innen ist das Schauspiel öde und langweilig. Es bleiben nur noch die Restaurants mit ihren süßen Suppen, den Würsten, den diversen Braten. Und dem  ausgezeichneten Bier.

Einerseits hatte Huysmans recht – aber Monsieur, die Ihr das Künstliche dem Natürlichen vorzieht: – die Schwäne…?

 

Fabio Fiallo

Schriftsteller aus der Dominikanischen Republik, der ab 1910 einige Jahre Konsul
seines Landes in Hamburg war. Rubén Darío besuchte ihn im September 1911.

Die unschuldige Seele des Rubén Darío

Es war im Jahre 1911. Ich weiß nicht mehr, in welchem Monat. Seit acht Tagen war Rubén Darío mein Gast in meinem Heim in Hamburg. Er war nur für drei Tage gekommen; aber zu meiner großen Freude wurde seine Abreise verschoben, obwohl
Verpflichtungen seine Anwesenheit in Paris verlangten. Unsere Wohnung war sehr komfortabel, wir aßen sehr gut, wir tranken noch besser, und nachts durchstreiften wir in fröhlicher Gesellschaft die aufregendsten Viertel der Hansestadt. Bekanntlich liebte er das Leben, wenn es sanft und glanzvoll dahinströmte.

Aber schließlich war kein Aufschub mehr möglich, und wir beschlossen, am letzten Abend vor seiner Rückreise die Einladung einer wunderschönen Dame anzunehmen, deren höchster Genuss der Umgang mit Künstlern war.

Ihr Sonnabend-Tee im großen herrschaftlichen Salon war für Persönlichkeiten von Rang aus der Welt der Politik, des Bankund Handelswesens bestimmt, mit denen der Herr des Hauses als Börsenmakler zu tun hatte. Aber zu ihrem informellen Tee,
ihrem kleinen „geistigen“ Tee, wie sie ihn nannte, hatten nur Künstler Zugang.

An jenem Nachmittag waren Rubén und ich die einzigen Gäste, und gleich bei unserer Ankunft merkte ich, wie hingerissen er war – nicht nur von der aristokratischen Schönheit der Dame, die uns empfing, sondern auch von der Eleganz des kleinen
Salons, in dem wir empfangen wurden: passender Rahmen für die Schönheit der Dame, die ihn bewohnte.

Auf den aromatischen Aufguss, den die Hausherrin bereitete und mit Brandy, Limonensaft und cake servierte, folgte der Champagner in Kelchen, deren Ränder mit Parma-Veilchen geschmückt waren, der Lieblingsblume unserer schönen Dame.

Als das erste Glas getrunken war, wurde Rubén gebeten, seine Lieblingsverse vorzutragen.

Er trug sie mit so anmutiger Meisterschaft vor, dass ich begeistert applaudierte. Weder zuvor noch danach habe ich meinen Freund so perfekt vortragen hören. Die freundliche Zuhörerin beglückwünschte ihn aufs wärmste, der groß Dichter errötete, und ich verstand, wie sehr ihn dieses Lob freute.

Aber o weh! der Stundenzeiger rückte unerbittlich vor, und als Hinweis auf den nahen Abschied wurde ein letztes Gläschen serviert und langsam, wie bedauernd,  getrunken… und dann… Oh! dann erhob sich plötzlich vor uns das bezauberndste und strahlendste Gedicht des Lebens:

mit langsamen Bewegungen voll sanfter weiblicher Anmut löste die Königin unseres Festes zwei Haken und Ösen, band eine Schleife auf, und ließ das schwere Kleid, das ihre Schönheit bedeckte, langsam, ganz langsam an ihrem Körper herunterfallen, bis es zu ihren Füßen lag, und blieb so, könnte man fast sagen, nur noch bekleidet mit ihrer strahlenden Nacktheit…

denn die goldbestickte Gaze, die ihre Formen modellierte, war nur wie ein staubfeiner Schleier, den der raffinierteste Traum über den glänzend weißen Marmor ihres Körpers geworfen hatte…

Mein Gefährte und ich blieben sprachlos, bis er, in einem plötzlichen Ausbruch seiner Ekstase, ausrief: „Oh, Wunder, Wunder aller Wunder!“

Und es wurde still. Vielleicht noch nie hat die menschliche Schönheit eine so begeisterte Huldigung erfahren wie durch jene Stille, mit der zwei Dichter ihre Verehrung für die unübertreffliche Schönheit einer Frau zum Ausdruck brachten.
Und ich schwöre: außer den Pupillen, die in ihrem Antlitz glühten, war dieses strahlende Fleisch ein stummer und kalter Marmor!

Drei oder vier Minuten nach der herrlichen Geste, mit der sie sich ihres schweren Kleides entledigt hatte, um uns unsere Verse mit dem göttlichen Gedicht ihres Fleisches zu bezahlen, glänzte in ihren fest auf uns gerichteten Augen ein so
unerbittlicher Wille, dass Rubén und ich irgendwo unsere Hüte und Mäntel aufhoben, uns tief verneigten und hinausstürzten…

Schweigend und befangen legten wir unseren Heimweg zurück.

Und ebenso, ohne ein Wort zu wechseln, ging jeder in sein Schlafzimmer, um sich von dem Zauber zu befreien, der uns schweigen hieß und jeden Gedanken aus unseren Köpfen verbannte.

Aber, eine oder zwei Stunden später kommt plötzlich jemand in mein Zimmer, schaltet das Licht ein… Rubén!

Ich glaubte, er sei verrückt geworden, als er mich an den Schultern packt, mich heftig schüttelt und ausruft: „Es war eine Fee, nicht wahr? – Aber, schläfst du denn noch? Wie kannst du schlafen, nachdem du diese Frau gesehen hast? Oder weißt du vielleicht, dass es keine Frau ist? Sag es mir, antworte, wenn du nicht willst, dass ich wahnsinnig werde.“

Nein; er war nicht trunken von Alkohol, sondern trunken von Träumen, von phantastischen Hirngespinsten, von diesem Astralfluidum, das er in sich trug, und das er so oft in seinen wunderbaren Erzählungen und in seiner genialen Poesie
ausgegossen hatte.

Nach einigen Augenblicken relativer Ruhe begann er mich wieder zu befragen:

„Sag mir: glaubst du an die Existenz der Nymphen und der Feen? Nein?

Aber es gibt ernstzunehmende Leute, die behaupten, sie gesehen zu haben… Der Heilige Antonius, an dessen Wahrhaftigkeit niemand zu zweifeln wagt, berichtet, wie er in der Wüste ein Ungeheuer sah und mit ihm redete. Warum dann nicht an die  Existenz der Nymphen und Feen glauben, die aufgrund ihrer Schönheit und Anmut Werke irgendeines künstlerischen Erzengels sein müssen? Und diese, die uns heute Nacht erschienen ist, hast du gesehen, wie unberührbar ihr Fleisch war?

Und oh, ihre Augen! Sie lassen sie mich nicht schlafen, lassen mich nicht denken, außer an einen endlosen Wald, bevölkert mit übernatürlichen Wesen, die mich mit ihren unausweichlichen, grünen, verhexten, mörderischen Blicken quälen.

Schau mich an, Fabio, du weißt genau, dass ich nicht betrunken bin; reiß mir alle diese Ideen aus dem Hirn, ich weiß, dass sie unsinnig sind, aber sie besitzen mich und verfolgen mich und lassen mich nicht vernünftig denken.“

Ganz allmählich brachte ich ihn auf andere Gedanken, erzählte ich ihm von meiner Kriegslaufbahn, ein Thema, das ihm immer gefiel und seine kindliche Bewunderung auslöste. Nachdem ich ihm einige Details über einen blutigen Kampf in den Straßen
von Santiago de los Caballeros erzählt hatte, war er schon gefesselt und fasziniert, und so tadelte ich ihn folgendermaßen:

„Das ist es, was dir im Leben gefehlt hat, eine tiefe und heimliche Liebe, die dich bewegt haben würde, allen Gefahren zu trotzen und dem Tod ins Auge zu sehen bei einem Angriff auf eine Stadt, die es mit Blut und Feuer einzunehmen galt, Straße um Straße, um dann dem Idol meiner Träume den blutigen Lorbeer des Sieges darzubieten.“

„Das ist wahr“, sagte er mir mit sanfter Stimme, „du warst ein Mann großartiger Taten; aber höre: das ist nichts für mich; ich hätte niemals einen Leichenhaufen hinter mir zurücklassen können, um einer Frau Blumen oder Lorbeeren zu bringen.“

Danach streckte er sich in meinem Bett aus und war bald tief eingeschlafen, während ich an seinen letzten Satz dachte und nicht schlafen konnte.

Morgens, zur Stunde des Frühstücks, umarmte er mich und sagte zu mir:

„Ah, Fabio Fiallo, lieber Freund und Bruder; wie gut hast du mich letzte Nacht geheilt! Wenn ich viele wie dich getroffen hätte auf der Welt, wie anders wäre mein Leben verlaufen!“

Und, bereits im Bahnhof umarmte er mich wieder und sagte: „Hör zu, Fabio, diese Frau von gestern Nacht ist keine Fee, wie ich in meinen Hirngespinsten dachte; aber hüte dich vor ihr – sie hat den Teufel im Leib.“

Ich lächelte ob seiner Einfalt: mein genialer, guter Freund hatte noch nicht gemerkt, dass das, was uns Poeten an der geliebten Frau am stärksten anzieht, gerade das Stück Teufel ist, das sie immer in der Seele und im Leib trägt.

Original: Fabio Fiallo, “El alma candorosa de Rubén Darío”, in:

Emilio Rodríguez Demorizi, Rubén Darío y sus amigos dominicanos
(Bogotá: Ediciones Espiral, 1948), S. 109-113.
Übersetzung: Günther Schmigalle

 

 

 

 

 

Öffentlichkeitsarbeit

Eindrücke von der Nicaragua Woche

Im Rahmen des Lateinamerika-Herbstes fand vom 17.-21. Oktober eine Nicaragua-Woche statt, die die ganze Bandbreite der Beziehungen zwischen den beiden Städten und ihren Menschen vorgestellt hat.

Hier einige Eindrücke von der Eröffnungsveranstaltung mit Staatsrat Wolfgang Schmidt von der Senatskanzlei der Freien und Hansestadt Hamburg, der Botschafterin Nicaraguas, Carla Beteta und VertreterInnen der beteiligten Vereine.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eindrücke von der Veranstaltung „Schutz für Schildkröten im Spannungsfeld zwischen Umweltschutz und Armut“ mit Dr. Jürgen Steidinger