Nicaragua

Die Bauern sind auch Nicaraguaner *

Harte Arbeit und Diskriminierung

* aus: El Nuevo Diario, September 2013


"Ein Bauer steigt in den Bus und setzt sich neben Braulio, der sich an der rustikalen Kleidung des Bauern und am Sombrero stört, weil er sich eingeengt fühlt, und weil er den Sitz mit ihm teilen muss. Sofort beschwert Braulio sich. Aus seiner Sicht ist es störend für die anderen Passagiere, diesen Herrn einsteigen zu lassen." Diese Anekdote aus einem Text im Lehrbuch, zeigt die soziale Diskriminierung, unter der der Bauer wegen seiner Sprache, seiner Kleidung, seiner Kultur und seiner Wesensart leidet.

Zusammen mit der sozialen Diskriminierung, sind die Bauern in Nicaragua auch die Leidtragenden einer wirtschaftlichen Diskriminierung. Ihr Einkommen ist das geringste auf der aktuellen Einkommensskala (C$2.566,89/a). Es beträgt weniger als die Hälfte als das der Bauarbeiter (C$5.799,15/a). In Übereinstimmung mit CEPAL ("Soziales Panorama in Lateinamerika") leben 49% der ländlichen Haushalte in extremer Armut, d.h. sie sie leben von weniger als einem Dollar am Tag.

"Die Bäuerin ist am meisten von der Diskriminierung betroffen, nicht nur weil sie weniger verdient als ein Mann, sondern auch aufgrund des patriarchalischen Systems, des Fehlens von Arbeiterrechten und wirtschaftlicher Unabhängigkeit - bis hin zu Hunger und Armut" (Yolanda Ares, Nationale Sekretärin der Landarbeiterinnen).

Der Bauer wird auch in der Bildung diskriminiert. Der Analfabetismus erreicht in den ländlichen Gebieten von Nicaragua in der Bevölkerung >15 Jahre bis zu 36.5%. Damit ist der Analfabetismus gegenüber der städtischen Bevölkerung (12.1%) 3x höher. In Bezug auf das Bildungsniveau gibt es weiterhin, trotz der Fortschritte in der Beschulung, die der gesamten Bevölkerung zugute kommen, vom Wohnort abhängige Unterschiede. 2005 gingen 77% der Bevölkerung in den Städten 4 oder mehr Jahre zur Schule. Auf dem Lande beträgt dieser Prozentsatz nur 43%. (7. Volkszählung). In Nueva Segovia gibt es Kinder, die mehr als 4 Stunden zu Fuß zur Schule gehen müssen, andere gehen nicht zur Schule, weil sie mit ihren Eltern auf dem Land arbeiten müssen (Haydée Castillo, Direktorin des Instituts für Führung in Las Segovias).Die Landbevölkerung beträgt knapp 2.5 Millionen und ist mehr als 40% der Gesamtbevölkerung Nicaraguas. Trotzdem kann man die Anzahl der hochrangigen Politiker mit bäuerlicher Herkunft an den Fingern einer Hand abzählen.

Im Gegensatz zu seiner niedrigen sozialen, wirtschaftlichen, bildungsmäßigen und politischen Stellung nimmt der Bauer einen wichtigen Platz in unserem Leben ein. Wir essen und überleben dank des Schweißes der Bauern. Über dieses Thema schrieb der Autor und Moralist La Bruyère im Frankreich von Ludwig XIV. Folgendes:

"Verstreut über das Land können wir gewisse wilde Tiere beobachten, männliche und weibliche, dunkle, leichenblasse und von der Sonne verbrannte, an der Erde klebend, die sie mit unbesiegbarer Beharrlichkeit aus- und umgraben. Aber sie haben etwas wie eine artikulierte Stimme, und wenn sie sich auf die Füße erheben, erkennt man ein menschliches Gesicht. Es sind wirklich Menschen … Dank ihrer Arbeit brauchen die anderen Menschen nicht aussäen, die Felder bestellen und nicht mähen, um zu leben. Deswegen darfst du ihnen nicht das Brot verweigern, das sie selbst anbauen" (Jean de la Bruyère, “Caracteres” –1688).

Ein Grund stolz zu sein

Die sozialen Vorurteile, die Armut, die geringe Bildung erzeugen ein Gefühl von Unterlegenheit, das den Bauern dazu veranlasst, sich auf der untersten Stufe der Sozialpyramide einzurichten. Der Glaube, unterlegen zu sein, macht sie schüchtern in den Beziehungen mit Menschen aus der Stadt.  In der kleinen Welt ihrer Gemeinden fühlen sie sich sicher. Außerhalb davon fühlen sie sich unsicher und schutzlos. Sie nehmen eine unterwürfige Haltung an und passen sich an, wodurch sie Opfer von Händlern und skrupellosen Landbesitzern werden.
Von daher die Strophen zur Aufmunterung von Jorge Isaac Carballo: "Bauer, erhebe deine Stirnme/ du bist auch eine Person/ erniedrige dich nicht länger/ aus deiner rechten und linken Hand/ wächst die Ernte/ für die anderen".

Die Bauern sind auch Nicaraguaner. Es ist die Aufgabe von uns allen, von unseren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Positionen aus, unsere größten Anstrengungen für gleiche Rechte, Teilhabe und Chancen für die Bauern beizutragen.
"Wir wünschen uns, dass die Regierung auch aufs Land kommt, weil wir auch Nicaraguaner sind", steht auf einer Wandzeichnung des Bauernkindes Omar Guadalupe Gutiérrez aus Mozonte (12 Jahre), die von den Vereinten Nationen ausgezeichnet wurde.

Dr. Mariano Fiallos, Doctor Honoris Causa, UNAN-Managua

aus: Rundbrief 2016

Kaffeeanbau in Nicaragua – der Kampf gegen den Klimawandel

Kaffeepflanzung

Kaffee ist das bedeutendste Agrarprodukt in Nicaragua. Mit rund 18,2% des gesamten Exports ist es das Hauptexportprodukt und trägt rund 20% zum Bruttoinlandsprodukt bei (6. Stelle). So sind im Kaffeeanbau etwa 300.000 –direkte und indirekte– Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt, die damit einen Anteil von über 53% der Angestellten im Agrarsektor darstellen, was 14% der Angestellten auf nationaler Ebene entspricht. (Quelle: www.magfor.gob.ni)

Der Kaffeesektor besteht aus insgesamt etwa 44.520 Produzentinnen und Produzenten, die eine Fläche von ca. 126.150 ha bewirtschaften, wobei unter Ihnen etwa 18.640 Kleinbauern sind, die jeweils nur eine Fläche von bis zu 3.5 ha kultivieren. Der Großteil des Kaffeegeschäfts basiert also auf kleinen „Familienunternehmen“, was die Abhängigkeit ihrer Existenz vom Kaffee als einzige Einnahmequelle besonders deutlich macht.
Umso schlimmer treffen sie Auswirkungen des Klimawandels.

Was bedeutet das genau? – In vielen Regionen wird das Wetter unberechenbarer. Regenzeiten verschieben sich oder bleiben ganz aus. Allgemein lässt sich feststellen, dass die Dauer der Regenzeit grundsätzlich rückläufig ist, die Intensität der Regenfälle jedoch gleichzeitig stark zunimmt. Das heißt, wenn der Regen kommt, fällt er oft sintflutartig und überschwemmt das Land, was zunehmende Bodenerosionen und damit verheerende Ernteausfälle zur Folge hat. Eine entsprechende Entwicklung ist in der Trockenzeit zu beobachten: Sie weitet sich unter Temperaturanstieg weiter aus. Die Häufigkeit von Dürren nimmt zu und die Pflanzen vertrocknen.

Nicaragua ist eines der am stärksten von Wetterextremen betroffenen Länder weltweit. Viele Menschen in Nicaragua leben von der Landwirtschaft und sind daher auf funktionierende Ökosysteme angewiesen. Diese werden allerdings durch die Folgen des Klimawandels erheblich aus dem Gleichgewicht geworfen. Voraussichtlich werden insbesondere die nordwestlichen Teile von Nicaragua künftig unter zunehmender Trockenheit leiden. Besonders betroffen davon ist der Kaffeeanbau.

Eine aktuelle Studie des Internationalen Centers für tropische Landwirtschaft (CIAT) zeigt die hohe Schadensanfälligkeit von Kaffee in Bezug auf den Klimawandel, begründet in seiner hohen Sensibilität auf Schwankungen der Temperatur und spezielle Niederschlagsanforderungen. Nach diesen Prognosen wird die geeignete Anbaufläche aufgrund der steigenden Temperaturen von nur 2-2,5°C Kaffee signifikant abnehmen. Damit wird eine Verschiebung der für Kaffee geeigneten Klimazone auf ca. 800 bis 1200 Meter über dem Meeresspiegel stattfinden.

aus: Rundbrief 2015

 

CIAT 2012: „Szenario der Auswirkungen des Klimawandels in der Zukunft in Nicaragua”
Grafik: CIAT ("Szenario der Auswirkungen des Klimawandels in der Zukunft in Nicaragua", veröffentlicht vom CIAT in 2012)

 

Es wird darüber hinaus prognostiziert, dass 80% der Anbaufläche für Kaffee aufgrund stärkerer Regenfälle und gleichzeitigem Temperaturanstieg bis 2050 nicht mehr nutzbar ist.

Das würde eine Katastrophe bedeuten. Die Auswirkungen der letzten beiden schlechten Ernten haben bereits ihre Spuren hinterlassen in einem der ärmsten Länder Lateinamerikas mit mehr als einem Drittel der Bevölkerung, die von etwa zwei Dollar pro Tag leben. Es resultieren enorme Folgen für Nicaraguas Kaffee-Exporte und damit den Lebensunterhalt in den ländlichen Regionen. Die Distrikte Jinotega und Matagalpa im nördlichen Hochland Nicaraguas, wo Kaffee historisch als „Währung“ unter den Kaffeebauern galt und rund ein Viertel der landwirtschaftlichen Einnahmen ausmacht, sind nun die am stärksten betroffene. Diese Veränderungen, die sich schon jetzt bemerkbar machen, werden weiter zu erheblichen Ernteeinbußen führen.

Gesunde Kaffeepflanze
Gesunde Kaffeepflanze

Eine weitere Bedrohung ist die Schädigung der Plantagen durch eine Pilzerkrankung, den so genannten Kaffeerost. Befallene Plantagen leiden sowohl unter schlechterer Qualität als auch deutlich reduzierter Ertragsausbeute, was einen negativen Einfluss auf die gesamte wirtschaftliche Entwicklung des Landes hat. Die befallenen Kaffeesträucher können zwar gerettet werden, müssen aber vorsichtig zurückgeschnitten und mit Chemikalien behandelt werden, die schädlich für die Gesundheit der Menschen sind. Außerdem dauert es einige Jahre, bis die Sträucher wieder auf ihr reguläres Produktionsvolumen zurückfinden. Früher wurden für gewöhnlich nur Anbauflächen unter 800 Meter befallen, doch mit der Zeit griff der Pilz auch auf Pflanzen auf bis zu 1.300 Meter über dem Meeresspiegel über. In diesen Höhenlagen befinden sich außerdem die am meisten Naturschutzgebiete, so dass ein Risiko der Störung des ökologischen Gleichgewichts besteht, wenn die Kaffeebauern nicht dabei unterstützt werden, sich gegen solche Veränderungen entsprechend zu rüsten.
Sie würden gern ihre Plantagen renovieren, sagen die Bauern – aber sie haben kein Geld. Von der Regierung werden sie nicht unterstützt. Und selbst wenn sie das Geld für eine Neupflanzung hätten, würde es wiederum 4-5 Jahre dauern, bis die Bäume eine normale Ernte einbringen.
 

vom Kaffeerost befallene Kaffeepflanzen
vom Kaffeerost befallene Kaffeepflanzen
Fotos: V. Hebel

Die Möglichkeiten, auf die Klimaerwärmung zweckentsprechend zu reagieren, sind also beschränkt. Mit Hilfe von optimierten Anbaumethoden, resistenteren Pflanzen oder optimierten Bewässerungssystemen kann die Kaffeeproduktion zwar auch unter sich verändernden klimatischen Bedingungen teilweise aufrechterhalten werden, doch der Klimawandel kann durch diese Maßnahmen nicht gestoppt werden.

Was also tun, um dieser unaufhaltsamen Entwicklung entgegenzuwirken? – Viele Kaffeebauern wollen aufgrund der herrschenden Probleme nicht mehr ausschließlich von Kaffee abhängig sein, da die Ernte zunehmend ungewisser wird und so ein hohes Risiko für ihren Lebensunterhalt darstellt.

Eine Möglichkeit ist die Biodiversifizierung innerhalb der Kaffeeplantage mit schützenden Pflanzen vor allem gegen starken Wind und Regen wie z. B. Bananen, auch wenn hier ein Teil der Anbaufläche für Kaffee verloren geht. Eine gute Alternative bietet außerdem der gleichzeitige Anbau von Kakao, da Kakaopflanzen sich klimatisch besser in niedriger gelegenen Regionen anpassen, obwohl auch hier zu starke Regenfälle den Pflanzen schaden können. Die Kakaoproduktion bietet ebenfalls gutes Potential im internationalen Handel, doch benötigen die Kleinbauern Unterstützung bei der Pflege und Aufbereitung der geernteten Früchte. Zudem ist ein Wechsel der Anbaufläche mit einem Einkommensverlust in den ersten fünf Jahren verbunden, da die Jungpflanzen keine lukrative Ernte bieten.
Für die meisten am Existenzminimum lebenden Kleinbauern also ebenso eine Sackgasse, gäbe es nicht private Organisationen und Fairen Handel für Kaffee, die genau in diesen Bereichen den Kleinbauern unter die Arme greifen und sich für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung arbeiten sie daran, die Landwirtschaft an den Klimawandel anzupassen und zugleich ausreichend Einkommen zu erwirtschaften um die Ernährung langfristig zu sichern.

Doch Kaffee in Nicaragua besteht nicht nur aus Zahlen – es ist eine Kunst, eine Leidenschaft und eine Lebensart. Aber ohne Einnahmen aus der Ernte wird die ländliche Wirtschaft zusammenbrechen. Dabei sind die Kaffeerost-Krankheit und der Klimawandel nur ein Teil davon. Da ist auch noch die Ungerechtigkeit auf dem Kaffeemarkt, die den Verkaufspreis des Kaffees nicht bis zu den Produzenten weitergibt. Es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn alle Konsumenten, die ihren täglichen Kaffee lieben, auch bereit wären den Menschen zu helfen, ihn für sie anbauen zu können.

Viola Hebel