Nicaragua

„Fairer Handel“ und seine Bedeutung für Nicaragua

Kaffeepflanzen

Der Ursprung des Fairen Handels in Nicaragua liegt in den 1980er Jahren nach der Befreiung des Landes von der Somoza-Diktatur 1979. In Europa suchte man nach Möglichkeiten, sich mit dem nicaraguanischen Volk zu solidarisieren und die Menschen zu unterstützen.

Alles begann mit dem Kaffee, da die Kleinbauern in den Kaffeeregionen Nicaraguas im Zuge der großen Landreform Grund und Boden erhalten hatten und sich damit nun ihren Lebensunterhalt selbst verdienen konnten, es ihnen aber an Fachkenntnis über den Anbau und die Vermarktung fehlte. Fair gehandelter „Nica-Kaffee“ wurde zum Symbol für internationale Solidarität mit den Menschen aus Nicaragua.

Dabei überzeugte der Kaffee damals eher durch die Idee als durch den Geschmack. Heute sind aus den unterdrückten Bauern und Tagelöhnern mit Hilfe des Fairen Handels selbstständige Unternehmer geworden, die einen hochwertigen Kaffee anbauen und selbst auf den Markt bringen. Die Produktion von Kaffee steht dabei stellvertretend für diverse landwirtschaftliche Produkte, die im globalen Süden für den Weltmarkt produziert werden. Die sogenannten „generic standards“ (allgemeine Standards) für Handelspartner gelten für alle Produkte gleichermaßen und umfassen Richtlinien zu sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung, Umweltentwicklung sowie Arbeitsbedingungen.

Grundprinzip des Fairen Handels ist es, die geernteten Produkte gleich selbst zu vermarkten. Um die Benachteiligung in fehlendem Fachwissen auszugleichen und zu mehr Unabhängigkeit in wirtschaftlicher Hinsicht zu verhelfen, sorgt der Faire Handel für finanzielle Unterstützung und übernimmt eine beratende Funktion. In erster Linie erhalten die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern für ihre Produkte einen fixierten Mindestpreis, der über dem Weltmarktpreis für Kaffee liegt, sowie eine zusätzliche Prämie (z.B. für Soziales, Bildung und Infrastruktur) oder die Vorfinanzierung der Ernten, was ihnen hilft, einen angemessenen Lebensunterhalt zu sichern. Zudem werden langfristige Handelsbeziehungen garantiert. Im Gegenzug wird eine transparente Verwendung des Mehrpreises gefordert sowie die ebenfalls faire Behandlung der ErntehelferInnen und die Sicherung der hohen Produktqualität.

Aus diesem Gedanken geht hervor, dass der Faire Handel auf dem Solidaritätsprinzip aufbaut und sich somit in erster Linie an Erzeugergemeinschaften, also Kooperativen richtet. Ziel der meisten Kooperativen ist es, Alternativen zur Privatisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft zu schaffen und demokratische Strukturen aufrecht zu erhalten.

Die Genossenschaft SOPPEXCCA in Jinotega, einer der bedeutenden Kaffeeregionen Nicaraguas, hat sich durch die beständigen Kontakte mit fairen Handelsorganisationen aus Europa zu einer der führenden Kaffeekooperativen Nicaraguas entwickelt. Einer ihrer langjährigen Partner ist der Hamburger Kaffeehändler „El rojito“ aus Ottensen. Mit ausdauerndem Engagement und viel Geduld über die vergangenen 30 Jahre hat El rojito einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Entwicklung geleistet. Heute gehören der Genossenschaft rund 650 Kleinbauern an. Ihre Geschäftsführerin, Fátima Ismael, ist dankbar für die durch den Fairen Handel erreichten Ziele: dass SOPPEXCCA heute in der Lage ist, Qualitätskaffee zu produzieren und für den Erhalt der Umwelt zu arbeiten. Insbesondere profitiert hat SOPPEXCCA, wie viele andere Genossenschaften auch, von dem zusätzlichen Aufpreis, garantierten Abnahmemengen sowie der Leistung der Ernte-Vorfinanzierung durch die Handelspartner.

Im Fairen Handel wird der Preis jedes Jahr von neuem ausgehandelt. Steigt der Weltmarktpreis über den festgelegten Mindestpreis, wird der Weltmarktpreis inkl. Prämien gezahlt, so dass der „faire“ Gesamtpreis immer über dem Weltmarktpreis liegt. Hinzukommt eventuell noch ein Qualitätsdifferential oder Aufschlag für Bio-Produkte. Mit der optionalen Leistung einer meist zinslosen Vorfinanzierung, um die Ernte und Verarbeitung des Kaffees bezahlen zu können, gehen die Handelspartner z.T. ein erhebliches Risiko ein, da sie darauf angewiesen sind, dass der Partner auch die bestellte Menge liefert – auch, wenn die Ernte schlecht ausfällt. Eine solche Handelsbeziehung ist somit mit großem Vertrauen verbunden und setzt einen engen Kontakt der beiden Partner voraus, was nur durch regelmäßige Partnerbesuche aufgebaut bzw. gestärkt werden kann – dazu brauchte es vor allem Zeit und Verlässlichkeit auf beiden Seiten. Die langfristige Zusammenarbeit mit verbindlichen Lieferverträgen und einer kontinuierlichen Auftragslage ist daher Kernanliegen des Fairen Handels, was gleichzeitig beiden Seiten Planungssicherheit gibt.

Die nachstehende Übersicht zeigt die jährlichen Preisdifferenzen zwischen dem Weltmarktpreis und den an die zu SOPPEXXCA gehörenden Mitglieder jährlich gezahlten Preis von 1999 bis 2008 beispielhaft auf.

JahrLokaler MarktpreisPreis an MitgliederPreisdifferenz

1999-2000

$ 75,00

$ 93,00

+$ 18,00

2000-2001

$ 45,00

$ 62,00

+$ 17,00

2001-2002

$ 45,00

$ 60,00

+$ 15,00

2002-2003

$ 46,00

$ 62,00

+$ 16,00

2003-2004

$ 67,00

$ 85,00

+$ 18,00

2004-2005

$ 92,00

$ 109,00

+$ 17,00

2005-2006

$ 95,00

$ 107,00

+$ 12,00

2006-2007

$ 98,00

$ 110,00

+$ 12,00

2007-2008

$ 110,00

$ 130,00

+$ 20,00

Die zusätzliche Prämie kommt zum einen den einzelnen Genossenschaftern zugute, zum anderen wird jedoch ein Teil einbehalten, um davon Gemeinschaftsprojekte zu finanzieren wie z.B. den Ausbau der Schule, neue Maschinen, Versammlungsräume, Wiederaufforstung, Latrinen oder Straßen- und Brückenbau, wobei die Mitglieder einer Kooperative eigenständig und demokratisch entscheiden, wofür die Prämie eingesetzt wird. Weitere Kredite gibt es zudem, um Saatgut und Dünger zu kaufen. Kinder vieler Kaffeebauern erhalten häufig die Möglichkeit zu einer besseren Ausbildung, haben z.T. studiert und überwachen heute als Betriebswirte, Agraringenieure oder Kaffee-Experten den Produktionsprozess statt in die großen Städte oder in die USA abzuwandern, wie viele andere Jugendliche in Nicaragua. Fairer Handel wird auf diese Weise Teil eines ganzheitlichen Entwicklungskonzepts und trägt darüber hinaus zum Klimaschutz bzw. zur ökologischen Verarbeitung der Produkte bei. Auch kann der Faire Handel den Zusammenhalt in einer Kooperative stärken, da sie nicht nur eine ökonomische, sondern auch starke soziale Bedeutung besitzt. Wie groß der positive Einfluss ist, hängt von der Kooperative ab. Durch den gemeinsamen Austausch von Wissen, Workshops und Fortbildungen können Erfahrungen geteilt und nach dem Schneeballprinzip weitergetragen werden.

Erfahrungsaustausch von Kaffeebauern

Viele Kaffeebäuerinnen und –bauern in Nicaragua haben es so geschafft, sich eine gesicherte Existenz aufzubauen. Aber warum schließen sich nicht alle dem Konzept von Kooperativen und damit dem Fairen Handel an? Ein Hemmnis ist sicherlich, dass der Eintritt in eine Kooperative auch mit Kosten verbunden ist. Um z.B. eine Zertifizierung als „faire“ Kooperative oder „fairer“ Produzent zu erhalten, muss in eine arbeits- und kostenaufwendige Produktionsumstellung investiert und außerdem für den Zertifizierungs-prozess bezahlt werden. Zusätzlich können weitere belastende Produktionskosten z.B. für spezielle Pflanzenschutzmittel und mehr intensivere Arbeitsvorgänge anfallen. In der Regel verschulden sich die Bauern dafür, nehmen also einen Kredit dafür auf. Das bedeutet ein nicht unerhebliches finanzielles Risiko. Zwar gibt es eine garantierte Mindestabnahmemenge, aber niemand kann den Bauern garantieren, ob sie die prognostizierte Menge wirklich auch produzieren können. Zunehmende Klima-veränderungen z.B. können Ernteeinbußen und somit eine sinkende Produktionskapazität zur Folge haben. Nach der Vorstellung des Fairen Handels sollten die Investitionen für die ProduzentInnen so gering wie möglich gehalten und durch Mehrzahlungen kompensiert werden. In der Praxis wird dieses Einkommen jedoch tatsächlich in den ersten Jahren nicht unbedingt für soziale Projekte ausgegeben, die die Lebensverhältnisse der Kaffeebauern verbessern, sondern häufig zunächst für die Optimierung der Produktion eingesetzt. Wenn die Bauern die hohen Arbeits- und Produktionsauflagen nicht mehr erfüllen können, kommt es gelegentlich dazu, dass sie die Kooperativen wieder verlassen. Die Verlockung wird noch größer, wenn die sogenannten „Coyotes“ unter den kommerziellen Vermarkten die „Fairen“ überbieten und den Kaffeebauern überhöhte Preise offerieren – bar auf die Hand.

Grundsätzlich steigt der Absatz an fair gehandeltem Kaffee zwar kontinuierlich, doch macht sein Anteil am gesamten Kaffeeabsatz in Deutschland nur knapp 3% aus (Quelle: Forum Fairer Handel 2014). Auch allgemein hat der Faire Handel in den letzten Jahren hohe Zuwachsraten verzeichnet. Betrachtet man jedoch den absoluten Anteil „fairer Produkte“ am Welthandel, ist dieser verschwindend gering. Da die höheren Kosten für fair gehandelte Produkte vom Verbraucher getragen werden, trägt jeder einzelne Konsument seinerseits ein Stück zur Absicherung des Lebensunterhalts von Produzenten und zu mehr Gerechtigkeit bei. Vor diesem Hintergrund sollte man sich das Zitat vom brasilianischen Bischof Dom Helder Camara noch einmal bewusst vor Augen führen:

"Wenn die Länder des Überflusses den Entwicklungsländern gerechte Preise für ihre Produkte zahlen würden, könnten sie ihre Unterstützung und ihre Hilfspläne für sich behalten."

Viola Hebel


aus: Rundbrief 2016