Demonstration auf dem Jungfernstieg gegen die Diktatur in Nicaragua

Flüchtlinge, die in Hamburg leben, protestieren und informieren über die Menschenrechtsverletzungen in ihrem Heimatland

Hamburg, Jungfernstieg, Reesendammbrücke am Samstag, dem 13. April 2019. Mittagszeit, beste Einkaufszeit, überwiegend sonnig, eisige Temperaturen. Eine anfangs noch kleine Gruppe von jungen Frauen und Männern, einige Kinder sind auch dabei, sammelt sich. Sie tragen selbst gemachte Plakate und Transparente. „Daniel Ortega Mörder“ steht auf einem. Ein anderes nennt ein Zitat der „Mütter des 19. April“: „Es ist schwer für Nicaragua zu atmen“ und darunter sind die Geburts- und Todesdaten eines Jungen aufgeführt, der zu den ersten Opfern der Demonstrationen gehört, die am 18. April 2018 begonnen haben: Alvaro Conrado, der nur 15 Jahre alt wurde. „Freiheit. Gerechtigkeit. Demokratie. SOS Nicaragua“ — Mit diesem Transparent in drei Sprachen, Deutsch, Spanisch und Englisch, das neben den Slogans die Illustration einer an den Händen gefesselten politischen Gefangenen zeigt, machen andere Flüchtlinge auf die politischen Missstände in ihrem Heimatland aufmerksam.

Die Gruppe bekommt rasch Zulauf von weiteren Landsleuten sowie Deutschen aus der Hamburger Solidaritätsbewegung mit Nicaragua, unter anderem dem Nicaragua Verein Hamburg e. V. und den Mitgliedern des Nicaragua-Koordinationskreises. Auch die Fotos des im Exil lebenden La-Prensa-Korrespondenten Eddy López haben sie mitgebracht. Die Bilder in Plakatgröße zeigen Scherbenhaufen, aufgerissene Straßen und umgestürzte Symbole der Macht des Herrscherpaares Ortega-Murillo. Wie ein Königspaar mit ihren Kindern und Enkeln herrschen sie über das Land, alle Schaltstellen der Macht und der Massenmedien fest in den Händen der Familie.

Fast ein Jahr ist seit den Sozialprotesten vergangen. Anfangs war es noch der Widerstand gegen eine Rentenreform, der die Menschen in Nicaragua auf die Straße getrieben hat. Durch die blutige Niederschlagung der Proteste wurde schnell der Unmut über das Regime Ortega-Murillo an sich laut. Ein Unmut, der sich spätestens seit 2007 bei vielen angestaut hat. Als bekannt wurde, dass Ortega, der einst zu den 9 Revolutionsführern nach dem Sturz der Somoza-Diktatur gehörte, mit Hilfe von Rechtsbeugung und Wahlfälschung erneut an die Macht gekommen war. Inzwischen hat sich das mittelamerikanische Land in eine Diktatur verwandelt, in der die verfassungsmäßigen Grundrechte, wie das Recht auf Versammlungsfreiheit, Meinungs- und Pressefreiheit praktisch außer Kraft gesetzt sind.

Menschen werden von der Straße weg entführt, nur weil sie die Nationalflagge getragen haben oder ein blau-weißes Tuch, berichten die wenigen Presseorgane in Oppositionshand, wie La Prensa und Confidencial (nur noch von Costa Rica aus). Azul y blanco, blau und weiß sind mittlerweile zu den Farben der größten Oppositionsbewegung im Land geworden, der Unidad Nacional Azul Y Blanco, in der über 40 Gruppen aus der Zivilgesellschaft versammelt sind: darunter die Studenten, die Unternehmerverbände, die Bauern, die Feministinnen, die Menschenrechtsgruppen. Ein breiter gesellschaftlicher Widerstand, der sich da Bahn gebrochen hat.

Ortega und seine Frau, die Vizepräsidentin, Rosario Murillo, schlagen unerbittlich zu, sind nicht bereit einen Zipfel ihrer Macht abzugeben. Die grausige Bilanz nach einem Jahr: inzwischen fast 500 Tote, fast 800 politische Gefangene, Zehntausende im Exil. Menschen, die auf Todeslisten stehen, die um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie jetzt nach Nicaragua zurückkehren würden. Hamburg ist in Deutschland zu einem Ankunftsort für die Flüchtlinge geworden. Knapp über 50 waren es Mitte April, Kinder inklusive.

Über diese Verhältnisse informiert auch ein von den in Hamburg lebenden Flüchtlingen erstellter Flyer. Er sorgt wie die Plakate und die Tänze zweier Nicaraguanerinnen in Landestracht für Aufsehen und bietet Gesprächsanlass mit neugierigen Passanten, darunter viele Touristen, die stehen bleiben und sich in ein Gespräch verwickeln lassen. Es sind aber doch wenige, die sich von ihrer Shoppingtour abhalten lassen möchten. Diejenigen, die stehen bleiben, sind erschüttert. „Wir wissen so wenig über die Situation in dem Land“, oder: „Ist das wie in Venezuela?“ Ein Paar aus der Ukraine dagegen weiß besser Bescheid: Korruption, Menschenrechtsverletzungen und informiert gleich über die Skepsis, die man in der Hinsicht den eigenen Präsidentschafts-Kandidaten entgegenbringe.

Das Fazit der kleinen, aber sehr intensiven Demonstration: Für ein paar Stunden zumindest rückte Nicaragua in das Bewusstsein und beim nächsten Mal wolle man noch bessere Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

Text: Sabine Gondro
Fotos: Peter Borstelmann, Sabine Gondro

Vgl. auch:
Interview der Autorin dieses Artikels mit Matthias Schindler B.A., dem Mitbegründer des Hamburger Nicaragua-Vereins, zu den Hintergründen der heutigen Verhältnisse in Nicaragua:
https://www.attac.de/uploads/media/sig_130.pdf

Literaturtipp:
http://diebuchmacherei.de/produkt/vom-triumpf-der-sandinisten-zum-demokratischen-aufstand/