Nicaragua und León

Nicaragua nach 15 Jahren – eine Reise in meine Vergangenheit

Ein Reisebericht von Karin Uhlenhaut

Es war keine einfache Entscheidung, Nicaragua wieder zu besuchen, nachdem ich dort von 1984 – 88 gelebt, geliebt und gearbeitet habe. Damals war ich dort glücklich, denn ich konnte mithelfen am Aufbau des Traumes einer gerechteren Gesellschaft während der sandinistischen Revolution – trotz des Krieges.

Nach der Wahlniederlage 1990 wollte ich Nicaragua so in Erinnerung behalten, wie ich es kannte. Erst jetzt fühlte ich mich in der Lage, mir anzusehen, was daraus geworden ist und auch erst nachdem mir Patricia versicherte, sie würde all meine zu erwartenden Emotionen auffangen können. Dafür danke ich ihr.

Die ersten Tage ist mir das Land noch fremd, denn es hat sich natürlich viel verändert: Managua ist eine richtige Stadt geworden, es gibt gültigeTelefonbücher, Frauenfußball, Ampeln in Matagalpa, von Managua bis Rio Blanco asphaltierte Landstraße. Auf den Märkten gibt es alles zu kaufen. Überall ist unglaublich viel Verkehr, Lärm, viele Menschen auf den Straßen, alle sind in Bewegung, es ist längst nicht mehr so beschaulich wie früher.

Busbahnhof alt

Als ich am Busbahnhof in Matagalpa sehe, wohin man jetzt überall fahren kann, bin ich völlig verwirrt: nach Mulukukú, Paiwas, Siuna, Waslala, das alles sind Orte, die für uns damals fast mystisch waren, von dort kamen die Kriegsverletzten und man konnte auf keinen Fall hinfahren. Und jetzt fahren die Busse pünktlich, regelmäßig und zuverlässig!

Als wir von Jinotega aus weit in die Berge fahren, um Kaffee-Kooperativen zu besuchen und ich auf der Ladefläche der Camioneta die unendlich schöne, grüne Landschaft auf mich wirken lasse, wird mir bewusst, was wirklich anders ist: es ist kein Krieg mehr!!!

Hinter der Fassade sieht es anders aus. In Matagalpa ziehen sich die ärmlichen Hütten jetzt ringsherum die Berghänge hinauf, die Bäume sind abgeholzt. Auf dem Weg von Matagalpa nach Matiguás leben am Wegesrand Menschen praktisch in Plastiktüten, ohne Wasser, von Strom ganz zu schweigen. Wären ihre Hütten aus Karton, könnte man sie als gut und stabil ansehen. Nach Mitch neu erbaute Häuser stehen leer, weil die BewohnerInnen zur Arbeitssuche nach Costa Rica ausgewandert sind.

Im Geburtshaus von Matiguás arbeitet die Hebamme seit 4 Monaten ohne Lohn. Chela, seit 23 Jahren Köchin im Krankenhaus, wird vom Gesundheitsministerium die Rente verweigert. In den staatlichen Gesundheitseinrichtungen gibt es keine Medikamente, keine Infusionen, kein chirurgisches Nahtmaterial, kein Verbandmaterial, nichts. Alles muss von den Patienten in der Apotheke teuer gekauft werden. Nur wenn man Glück hat, können wenigstens Notfalloperationen durchgeführt werden. In den staatlichen Schulen müssen Bücher, Hefte, Schuluniformen, ja sogar Prüfungen bezahlt werden, von der Unterrichtsqualität ganz zu schweigen, da die LehrerInnen Hungerlöhne verdienen.

Alle klagen über die Korruption, aber Bolaños wurde trotzdem als Präsident gewählt.

Es findet eine Tabuisierung der Vergangenheit statt, die Zeit der sandinistischen Revolution wird als „die 80er Jahre“ bezeichnet, auch die somozistische Diktatur wird nicht mehr beim Namen genannt. Aber auch: 2 Tage lang streiken die GesundheitsarbeiterInnen, nicht nur für höhere Löhne, auch für eine Erhöhung des staatlichen Gesundheitsbudgets. Da sind 10 Jahre Revolution doch nicht spurlos vorbeigegangen.

Ich fahre auch nach Matiguás, meinem früheren „Heimatort“, der statt 5.000 jetzt 16.000 Einwohner hat, Taxis und eine gepflasterte Hauptstraße. Und ich treffe viel mehr Leute wieder, als ich gedacht hätte, das war sehr bewegend. Alle haben sich gefreut, dass ich sie nicht vergessen habe, und ich freue mich, dass sie mich noch kennen. Ich erfahre, was aus früheren FreundInnen und KollegInnen geworden ist. Wer damals 1 Kind hatte, hat jetzt 4, wer 4 Kinder hatte, ist jetzt Großmutter, einige sind weggezogen, Don Miguel hatte einen schweren Unfall. Und Marta, Aníbal und Ricardo wurden erschossen, von wem?

Aber das Leben geht weiter.

Es ist mir gelungen, wieder einzutauchen in dieses Land, ich finde viel wieder, was ich damals so geliebt habe. Der Dialekt ist der gleiche geblieben, die Nicas haben das Herz noch am selben Fleck, und es gibt weiterhin Reis und Bohnen zum Frühstück!

Nicaragua, Nicaragüita, la flor más linda de mi querer...

Karin Uhlenhaut